Anjas Federflug der Gedanken - Ihre Perspektive auf Themen des Lebens

"Essen ist Erinnerung. Jedes Gericht, das du probierst, wird Teil deiner Geschichte". Wenn ich in die Vergangenheit blicke, erinnere ich mich sehr gut an gewisse Gerüche, Geschmäcker und Konsistenzen, welche plötzlich wieder aufpoppen. Typisches Beispiel ist die saftige, gelbe Zitrone. Wenn ich mir vorstelle, wie ich genüsslich ins sauer-bittere Fruchtfleisch beisse, zieht es mir nur schon beim Gedanken an den bitteren Fruchtsaft den Mund zusammen.

 

Der Duft der Kindheit

In der Zeit, als die Schulglocke um 11.50 Uhr die Mittagspause einläutete, ich mich mit meinem blauen Thek hungrig auf den Heimweg machte und am Ende in die Auffahrt zu meinem Elternhaus abbog, passierte es. Ich streckte meine Nase in die Luft und atmete den Geruch ein, welcher aus der Küchenlüftung in meine Richtung nach draussen strömte. In diesem entscheidenden Moment überkam mich entweder eine grosse Essens-Vorfreude oder ein "ich habe heute keinen Hunger" Gefühl. Am liebsten mochte ich den Duft von frischen Pommes, Gratin, Tomatensauce oder Blumenkohl. Was mir den Appetit verdarb (und dies bis heute), war der Geruch von Muscheln, Fisch oder Spinat.

 

Vom Gaumen ins Gehirn

Wieso erinnern uns unterschiedliche Geschmäcker überhaupt an etwas? Das liegt daran, dass Geruch und Geschmack eng mit Emotionen verbunden sind. Der Hirnbereich, welcher Erinnerungen und Gefühle speichert, ist nämlich direkt mit dem Geruchs- und Geschmackssinn verbunden. Wenn man als Kind beispielsweise am Esstisch mit der Familie sitzt und isst, werden die positiven Gefühle mit dem Essen abgespeichert. Später lösen die gleichen Gerüche oder Geschmäcker diese "wohligen-Erinnerungen" aus. In der Ernährungspsychologie weiss man, dass Essen eine ganzheitliche Erfahrung ist, welche mit Geborgenheit verknüpft wird.

 

Mehr als nur Geschmack

Damit man den vollen Genuss beim Essen ausschöpfen kann, brauchen wir unsere Sinnesorgane. Der Fokus wird automatisch vermehrt auf das Riechen, Sehen, Hören, Schmecken und Tasten gelegt.

Ein besonderes Experiment wagte ich mit meinem Mann.Iim Dunkel-Restaurant "Blinde Kuh" in Zürich durften wir ein ganz anderes Esserlebnis erfahren. Wir tauchten ein in eine Welt, mit welcher es für uns bis dahin keine Berührungspunkte gab. Die Welt ohne Augenlicht zu sehen und sich nur auf die Nase, Ohren und den Tastsinn zu verlassen - eine absolute Grenzerfahrung für uns. Wir wurden im Dunkeln an unseren Tisch geführt, waren absolut orientierungslos und irgendwie fühlten wir uns verloren. Das wirklich leckere Essen, welches uns Gang für Gang serviert wurde nicht zu sehen, war zugegebenermassen schlimm für uns. Als ich zum xten Mal eine leere Gabel zum Mund führte, benutzte ich nur noch meine Hände und schaufelte wie ein Bagger alles, was meine Finger erreichte durcheinander in meinen Mund. Fazit zum Schluss war, dass wir das Essen im blinden Zustand nicht geniessen konnten und das Auge bei uns auf jeden Fall mitisst. Ebenso waren wir heilfroh wieder draussen zu sein und nicht mehr verloren im Dunkeln zu sitzen. Hut ab vor allen blinden Personen!

 

Was Teller uns lehren

Am Ende zeigt sich, dass Essen nicht nur eine Notwendigkeit ist. Jeder Bissen trägt Erinnerungen, Stimmungen und Gefühle in sich. Ein bestimmtes Gericht kann uns zurück in die Kindheit versetzen, Geborgenheit schenken oder uns mit anderen verbinden. Wer bewusst isst, spürt nicht nur den Geschmack, sondern auch die Geschichten, die darin verborgen sind. So werden Teller nicht nur mit Speisen gefüllt, sondern auch mit Emotionen – und genau darin liegt ihre besondere Bedeutung. „Wer bewusst isst, nährt nicht nur den Körper, sondern auch die Seele.“

 

Text und Foto: Anja Macello