Werner Steiner sammelt Zeitungen – auch das «Euses Blättli»

Eine Zeitung hat heute oft nur ein kurzes Leben. Morgens liegt sie druckfrisch im Briefkasten, mittags wird sie gelesen und am Abend landet sie bereits im Altpapier. Die Schlagzeilen sind überholt, das Wetter längst Geschichte. Doch was für die meisten ein Wegwerfprodukt ist, ist für Werner Steiner aus Zürich ein Zeitdokument. Im April erreichte die Redaktion eine E-Mail mit der freundlichen Bitte, ihm eine Ausgabe von «Euses Blättli» zu schicken. Natürlich haben wir das gerne getan.

Seit über vierzig Jahren sammelt der 74-Jährige Zeitungen aus aller Welt. Mittlerweile umfasst seine Sammlung mehr als 3900 Exemplare aus über 40 Ländern. Darunter befinden sich grosse internationale Tageszeitungen ebenso wie kleine Lokal- und Quartierzeitungen. Und neuerdings gehört auch Euses Blättli dazu.

Dabei interessiert ihn nicht in erster Linie das, was viele bei einer Sammlung erwarten würden: möglichst alte oder besonders seltene Ausgaben. «Da ich weniger auf Seltenes und Altes aus bin, sammle und bewahre ich den heutigen Stand auf», schreibt er. Für ihn erzählt jede Zeitung etwas über ihre Zeit. Sie ist eine Momentaufnahme. Nicht nur der Nachrichten, sondern auch der Sprache, der Gestaltung und des Zeitgeists. Nicht nur über die grossen Ereignisse, sondern auch darüber, wie Menschen leben, denken und kommunizieren.

Aufgewachsen mit Druckerschwärze

Dass Zeitungen einmal zu seiner grossen Leidenschaft werden würden, hat wohl auch mit seiner Kindheit zu tun. «Aufgewachsen bin ich mit Druckerschwärze», erzählt Werner Steiner. Sein Vater war Buchdrucker und Grafiker, seine Mutter Buchbinderin. Zeitungen hätten ihn deshalb schon immer fasziniert.

Der eigentliche Anfang seiner Sammlung liegt jedoch in den 1980er-Jahren. Damals arbeitete er bei der Swissair. Zu dieser Zeit gehörten kostenlose Zeitungen auf internationalen Flügen noch ganz selbstverständlich zum Service. «So hatte ich die Möglichkeit, viele verschiedene Zeitungen aus der ganzen Welt zu betrachten, zu beurteilen und zu vergleichen. Diese Vielfalt war einmalig.»

Zunächst sammelte er nur die Zeitungsköpfe, also den oberen Teil der Frontseite. Diese Sammlung besitzt er bis heute. Später begann er, ganze Zeitungen aufzubewahren – oder zumindest die ersten Seiten. Aus Platzgründen archiviert er heute meist nur die erste und zweite Doppelseite des ersten Bundes, sorgfältig aufbewahrt in säurefreien Archivschachteln. Für ihn genügt das vollkommen.

«Aus diesen Seiten lassen sich alle wichtigen Informationen einer Zeitung herauslesen», sagt er. «Aufmachung, Erscheinungsbild und Druckqualität.» Der journalistische Inhalt sei dabei fast zweitrangig.

Zeitungen aus aller Welt

Wer durch seine Sammlung blättert, reist gleichzeitig um die Welt. Besonders viele Exemplare stammen aus Finnland. Seine Frau Ulla kommt von dort und gemeinsam reisen sie regelmässig in ihre Heimat. Über 200 finnische Zeitungen haben so ihren Weg nach Zürich gefunden.

Daneben gehören Zeitungen aus ganz Europa zur Sammlung. Zeitungsreisen (seine Ferienziele danach ausrichten, welche Zeitungen er sammeln möchte) habe er nie unternommen. Stattdessen schreibt er Redaktionen an und hofft auf eine Antwort. «Dank dem Internet war und ist es möglich, Zeitungen zu bekommen. Es wird jedoch immer schwieriger, da oft die angeschriebenen Redaktionen ob der E-Mail-Flut gar nicht antworten.» Manchmal erreiche er eine Zeitung gerade noch kurz vor ihrer Einstellung oder finde nach langer Suche doch noch ein letztes Exemplar. So ist das Zeitungsammeln dann auch ein Wettlauf gegen die Digitalisierung.

Warum gedruckte Zeitungen bleiben sollten

Werner Steiner sammelt Zeitungen nicht aus Nostalgie. Er ist überzeugt, dass gedruckte Zeitungen auch heute noch grosse Vorteile haben. «Zeitung drucken lohnt sich», schreibt er. Während uns das Internet mit Spam, Cookies und blinkenden Buttons überflute, stehe eine Zeitung für Lesekomfort. Alles sei auf einen Blick sichtbar, ohne Scrollen oder störende Pop-ups. Die klare Gestaltung helfe beim Lesen, und gedruckte Schriften seien angenehmer für die Augen. Daraus folgt: «Printmedien lesen wir deutlich schneller und konzentrierter als vergleichbare digitale Angebote.»

Vor allem aber seien Zeitungen etwas, das wir «mit allen Sinnen erleben». Das Papier in der Hand, der Geruch der Druckfarbe, das Umblättern der Seiten, all das gehöre zum Lesen dazu. Gedruckte Zeitungen schafften zudem eine Vertrauensbasis zwischen Produkt und Leser, die im digitalen Raum häufig verloren gehe.

Das Herz jeder Gesellschaft

Dass Werner Steiner ausgerechnet auch unsere kleine Quartierzeitung sammelt, hat uns natürlich besonders gefreut. Wie er überhaupt auf Euses Blättli aufmerksam wurde, verrät er allerdings nicht. «Da ich schon lange auf der Suche nach Zeitungen bin, habe ich ein Suchsystem. Gewusst wie – mehr sage ich nicht, das bleibt strikt geheim.»

Seine Begründung, weshalb Lokalzeitungen für seine Sammlung unverzichtbar sind, ist dafür umso klarer: «Lokalzeitungen sind das Herz jeder Gesellschaft, jeder Demokratie.» Dieser Satz bringt wohl am besten auf den Punkt, weshalb Werner Steiner seit Jahrzehnten sammelt. Nicht die grossen Schlagzeilen allein erzählen Geschichte. Es sind ebenso die Berichte über Quartierfeste, Schulhäuser, Vereine oder Menschen aus der Nachbarschaft. Gerade sie zeigen später einmal, wie das Leben vor Ort tatsächlich ausgesehen hat.

Ein geschulter Blick auf «Euses Blättli»

Natürlich betrachtet Werner Steiner auch Euses Blättli mit den Augen eines Zeitungssammlers. Sein Urteil fällt erfreulich positiv aus.

«Bleiben Sie so, wie Sie sind», schreibt er. Ganz ohne Anmerkungen geht es dann aber doch nicht. Er empfiehlt besser lesbare Schriften, grössere Seitenzahlen und ausgeschriebene Internetadressen neben den QR-Codes. Seine Kritik ist nie belehrend, sondern zeigt vor allem eines: Werner Steiner liest Zeitungen aufmerksam. Und mit einem geschulten Blick für Details.  Am Ende seines Briefes gibt er uns noch einen Rat mit auf den Weg: «Leser fragen und mitmachen lassen, das gedruckte Produkt kritisch betrachten und hinterfragen – und es muss unbedingt locker lesbar sein.»

Vielleicht landet auch diese Ausgabe von «Euses Blättli» nach dem Lesen im Altpapier. Vielleicht bleibt sie aber in einem Bücherregal liegen. Oder sie findet ihren Platz in einer Archivschachtel. Ganz sicher landet sie aber zuerst in meinem knallgelben Ordner, zusammen mit allen anderen Ausgaben unter meiner Leitung. Ein kleines Stück Quartiergeschichte aus Dättnau-Steig.

Text: Christine Schär, Foto: zVg Werner Steiner