Alle Teile der Serie von Savas Oyun
Teil 1 von 5: Die Vorbereitung
Es war eine unerwartete Reise, die ich antrat, als ich mich entschied, einen Abschnitt des Jakobswegs zu gehen. Als Sohn türkischer Einwanderer, aufgewachsen im muslimischen Glauben, mag es überraschend erscheinen, dass ich mich für einen christlichen Pilgerweg entschied. Doch nun bin ich, nach 499,8 km in 20 Tagen von Zamora nach Santiago di Compostela gewandert, bereit, meine Geschichte zu erzählen.
Der Pilgerer (Foto: zVg Savas Oyun)
Im goldenen April 2016, während eines Stellenwechsels, stand mir plötzlich ein freier Monat zur Verfügung. Die Optionen zur Gestaltung dieser freien Zeit waren vielfältig: Badeferien in der Südtürkei, Haus- und Gartenarbeiten oder... etwas ganz anderes. Die Entscheidung fiel, als ich über Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg" stolperte, dass ich Jahre zuvor gelesen hatte und inspirierend fand. Ein Gedanke formte sich und drei Tage später war ich unterwegs.
Die Vorbereitungen waren schnell und effizient erledigt: Route, Dauer und Equipment wurden festgelegt. Ich rechnete mit Regen, war aber nicht auf das vorbereitet, was kommen sollte. Gute Wanderschuhe, ein solider Rucksack, Funktionsbekleidung und ein Wanderguide waren meine Grundausstattung. Ein Indiana Jones Hut kam auch dazu, schließlich war Jones in meinem Alter, als er seine Abenteuer erlebte. Bei der Wahl des Schlafsacks war ich unsicher: einerseits sollte das Rucksackgewicht niedrig gehalten werden, andererseits war es April in Südspanien. Ich entschied mich für einen federleichten Seidenschlafsack, der laut Verkäufer bei der Firma Transa ideal für milde Temperaturen sei.
Ein frostiger Start
Meine erste Nacht auf dem Weg sollte in einem von Nonnen geführten, alten Massenschlag mit meterdicken Mauern verbracht werden. Nach einem kurzen Ausflug ins nahegelegene Dorf und der Rückkehr zu meinem Schlafquartier, machte ich mich bettfertig. Die Nonne, die mich zu meinem Platz begleitet hatte, war etwas verblüfft, als ich meinen Pyjama und meinen Seidenschlafsack auspackte. Sie fragte, ob das alles sei, was ich zum Schlafen dabei hätte?
Die Temperatur innerhalb dieses Gemäuers war irritierend kalt, obwohl die Temperatur tagsüber 25 Grad erreichte. Nach mehreren vergeblichen Schlafversuchen und zusätzlichen Kleidungsschichten, stand ich schon um 7:00 Uhr auf, packte meine Sachen und zog weiter.
Die Reise wird zur Herausforderung
Die anfänglich sonnigen Tage wichen nach und nach härteren Klimabedingungen. Es regnete immer öfter den ganzen Tag durch. Ich hatte zwar meine neue, teure Windjacke und meinen Indiana Jones Hut, aber meine Beinkleider waren nicht für so viel Regen ausgelegt. Am neunten Tag entschied ich mich endlich, richtig gute Regenhosen zu kaufen. Sie waren zwar nur in der Grösse XL erhältlich, aber immerhin 100% wasserdicht. Kurz flammte der Gedanke auf, einen besseren Schlafsack anzuschaffen: Aber das Gewicht!
Als es Richtung Portilla de Padornelo ging, dem Tor zu Galizien, wurde das Wetter noch erbarmungsloser. Auf 1352m Höhe, dem höchsten Punkt entlang der Via de la Plata, kamen wir – meine Weggefährten und ich – völlig durchnässt und ausgekühlt im Dorf an. Am nächsten Morgen erwarteten uns 30 cm Schnee vor der Tür! Dies war der Höhepunkt meines durch kälte geplagten Weges.
Dankbarkeit und Reflexion
Die Suche nach einem warmen Schlafplatz begleitete meine gesamte Reise. Deshalb kann ich gar nicht ausdrücken, wie dankbar ich all den Menschen bin, die mir auf diesem Weg, für eine Nacht, ihre Decke (una Manta) geliehen hatten, Verständnis gezeigt und mir Freundlichkeit entgegengebracht hatten.
Die Reise war nicht nur eine physische Herausforderung, sondern auch eine emotionale und spirituelle. In den folgenden Teilen dieser Serie werde ich tiefer auf die mentalen und emotionalen Aspekte der Reise eingehen, Originaltagebucheinträge veröffentlichen und die Erkenntnisse diskutieren, die sich mir auf diesem Weg offenbart hatten.
«Man sollte mangelnde Vorbereitung nicht in Bausch und Bogen kritisieren oder sogar verdammen, sondern vielmehr auch den Wunsch nach Herausforderung herauszulesen verstehen.» Peter Rudl, deutscher Aphoristiker.
Anekdote:
In Santiago di Compostela angekommen, erfuhr ich, dass meine Geschichte mit dem Seidenschlafsack bereits die Runde gemacht hatte unter den Pilgern. Ein junger Däne, der mir beim Abendessen gegenüber sass erzählte, er habe von zwei Holländerinnen von dem Türken gehört, der mit einem Seidenschlafsack den Via de la Plata beging. Manchmal wird man durch Leichtsinn zur Legende ;)
Teil 2 von 5: Die physische Herausforderung
Die Bewältigung von 499,8 Kilometern in 20 Tagen erfordert ein tägliches Pensum von rund 25 Kilometern. Diese Zahl mag abstrakt erscheinen, insbesondere für jene, die nicht bereits derartige Strecken bewältigt haben. Um dies zu verdeutlichen: Beim gemächlichen Spazierengehen erreicht man etwa 3 Kilometer pro Stunde. Der Pilgerweg jedoch gleicht eher einem bewussten Dauermarsch als einem entspannten Spaziergang, wodurch eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 4,5 bis 5,5 Kilometern pro Stunde realistisch wird. Somit sprechen wir von 5 bis 6 Stunden reiner Laufzeit pro Tag.
Ein Sportler auf dem Weg
Persönlich würde ich mich als sportlichen Mann mittleren Alters beschreiben, der bereits Halbmarathons absolviert hat, täglich Fahrrad fährt und auf seine Gesundheit achtet. Unter dieser Prämisse erschien mir die gestellte Aufgabe durchaus lösbar.
Die erste Etappe von Zamora nach Montamarta, eine Strecke von 19,4 Kilometern, wählte ich behutsam als Gradmesser. Die Leichtigkeit, mit der ich diese Distanz zurücklegte, überraschte mich. In den darauffolgenden vier Tagen bewältigte ich täglich 25 bis 30 Kilometer, ohne an meine physischen Grenzen zu stossen. Ein Beweis für die beeindruckende Leistungsfähigkeit meines Körpers – fast schon vergleichbar mit einer gut geölten Maschine, dachte ich.
Ein Schmerz, der den Weg begleitet
Doch der sechste Tag, von Rionegro del Puente nach Asturianos, brachte eine unerwartete Herausforderung. Etwa 7 Kilometer vor meinem Tagesziel verspürte ich ein leichtes Stechen oberhalb meines linken Knöchels. Dieses Stechen entwickelte sich zu einem konstanten Schmerz, zeitweise so intensiv, dass Pausen unabdingbar wurden. Kurz vor dem Ziel konnte ich den Schmerz nicht mehr ignorieren und zog sogar meine Wanderschuhe aus, um in Flipflops weiterzulaufen. Früh morgens suchte ich die nächste Apotheke auf. Die Apothekerin diagnostizierte rasch Erschöpfungsschmerzen, eine häufige Beschwerde bei Pilgern, verursacht durch anhaltendes Gehen. Die Verschreibung folgte ebenso prompt: Ibuprofen 1000, ein hochwirksames Schmerzmittel und fortan mein treuer Begleiter für den Camino (spanisch für Pilgerweg). Für meinen Magen waren diese Wunderpilen zwar nicht bekömmlich aber nur so konnte ich die restlichen 14 Tage Fussmarsch überstehen.
Sin dolor no hay gloria!
Die Besonderheit des Pilgerwegs liegt darin, dass man nicht allein ist. Freud und Leid werden geteilt. Jeder, dem ich begegnete, hatte sein eigenes Leiden, seien es Erschöpfungsschmerzen, Blasen an den Füßen, Rückenschmerzen, Hautreizungen, Gelenkschmerzen, übersäuerte Muskeln oder schlichtweg Heimweh. Der Schmerz wird zum integralen Bestandteil des Pilgerwegs, genauso wie der Triumph beim Einzug in Santiago de Compostela. Miguel, den ich kennengelernt habe und der den Pilgerweg bereits fünfmal absolvierte, brachte es auf den Punkt: Sin dolor no hay gloria! Kein Schmerz, kein Ruhm!
Dennoch beabsichtige ich, mich bei meinem nächsten Camino durch körperliche Vorbereitung und richtiges Equipment, vor derartigen Schmerzen zu bewahren. Ein kleiner Tipp: Schuheinlagen und Kompressionsstrümpfe wirken Wunder!
30 oder mehr Kilometern an einem Tag zu laufen ist durchaus machbar, selbst ohne gründliche Vorbereitung. Doch über einen Zeitraum von 20 Tagen, begleitet von einem 12 kg schweren Rucksack und den Unwägbarkeiten von Wind und Wetter, eröffnet sich eine völlig andere Dimension der Herausforderung. Die Kalkulationen aus dem heimischen Wohnzimmer mögen realistisch erscheinen, jedoch zeigt sich einmal mehr, dass der Teufel im Detail liegt.
Der Pilger-Zmorge
Am elften Tag schloss ich mich einer siebenköpfigen Gruppe an, mit der ich den Rest des Abenteuers bestritt. Unser tägliches Zeremoniell folgte stets demselben Muster: Aufstehen, Anziehen und möglichst rasch in die erste Bar. Unser "Pilger-Zmorge" war alles andere als nahrhaft. Die Getränke wurden bestellt, und dann holten alle ihre Medikamente hervor – der Tisch wurde zum Handelsplatz für Ibuprofen. Ibuprofen 200, 400, 500 oder das königliche 1000 – wir hatten alles, in jeder erdenklichen Menge. Unser Freund und Helfer "Ibu", wie wir ihn liebevoll nannten, war unverzichtbar – ohne ihn lief buchstäblich nichts!
Teil 3 von 5: Einblicke in das Tagebuch
Nachfolgend die Originalabschrift aus meinem Tagebuch. Um der Geschichte eine zusätzliche Dimension zu verleihen, habe ich kurze Kommentare zu den Geschehnissen aus heutiger Sicht hinzugefügt.
Tag 5 – Von Santa de Croya nach Rionegro del Puente
…Eine schöne Wanderung bei herrlichem Wetter. Ich kam durch einen wunderschönen Wald über eine Anhöhe zu einem Staudamm. Er staute den Rionegro um Elektrizität für die Region zu produzieren. Ich bin über die Brücke und auf der anderen Seite des Flusses weiter gelaufen. Ich schaute mal auf die Uhr und es war 12:45h. Ich dachte kurz darüber nach, welcher Tag es war – Mittwoch - und was ich wohl jetzt tun würde, wäre ich nicht auf dem Camino. Joggen und danach einen erfrischenden Schwumm im Zürichsee. Nun, die Anstrengung habe ich auch gehabt, dann hole ich mir halt meine Erfrischung im Rionegro und schwups war ich auch schon nackt im Rio.
Ich bin ein spontaner Mensch, meine Frau meint, auch etwas verrückt. Aber ich liebe es, wenn ich mich selbst mit unerwarteten Aktionen überrasche. Es gibt mir die Bestätigung, die kindliche Neugier und Abenteuerlust nicht verloren zu haben. Ich wünsche mir und bin mir fast sicher, dass ich heute, 8 Jahre später, die gleiche Entscheidung nochmals treffen würde!
Das Tagebuch (Foto: Savas Oyun)
Danach weiter nach Rionegro de Puentes. Im letzten Dorf vor Rionegro, blieb mein Blick an einem Haus hängen, welches einen wunderschönen Einblick in den Innenhof bot. Ein kleines Schild lud ein, eine kurze Rast einzulegen, einen Kaffee zu trinken und dann weiterzugehen. Die Gastgeberin hat dann relativ schnell erwähnt, dass sie ursprünglich aus Südafrika stammen und ihr Mann ein Missionar sei. Da kam er dann auch schon von seinem Ausflug zurück und schnell fiel die Frage: «Woher kommst du? Türkei! Bist du Moslem? Ja!» Ich sei der erste Türke und Moslem, den er auf dem Camino getroffen habe. Er hat mir dann einen stündigen Vortrag über Gott und Jesus gehalten. Es war nicht so, dass ich ihn nicht animiert hätte. Ich habe immer wieder Fragen in den Raum gestellt, die ihn noch mehr beflügelten. Ich habe mich nach dieser Aufklärungsstunde dezent verabschiedet und bin meines Weges gegangen. Craig Wallace war eine interessante Abwechslung!
Die Frage nach meiner Herkunft und der Konfessionszugehörigkeit wurde mir auf den 499 Kilometern nur ein einziges Mal, in genau der beschriebenen Situation gestellt und sonst nie. Die offensichtliche Reduktion einer Person auf Herkunft und Religion, löst bei mir noch heute Unmut aus. Beim Lesen dieser Passagen jedoch, erkenne ich mich selbst kaum. Die Ruhe und Besonnenheit des Pilgerweges müssen wohl auf mich abgefärbt haben
Nach weiteren 6 Kilometer kam ich in Rionegro del Puente an. Ich ging direkt in die Associacion Gastronomico (Me gusta comer), wo mein alter Freund Miguel bereits auf mich wartete. Nahm einen richtig feinen Tomatensalat zu mir und bestellte auch bereits mein Abendessen bei Teo vor.
Menu:
Patè de Atùn (Thunfischpastete)
Pote Gallego (Gallizischer Eintopf)
Cordero al horno (Lamm im Ofen)
Natillas (Pudding)
Nachdem wir essen und getrunken haben, gesellte sich noch Neil, ein Lehrer aus Schottland dazu. Danach fing die Fiesta an. Teo hat eine Gitarre gebracht, ein anderer Gast spielte und sang dazu. Flamenco pur!
Die Atmosphäre war wunderschön. Eine Stimmung, die man mit Geld nicht kaufen kann. Bin geblieben bis nur noch Teo und ich übrig blieben. Ziemlich betrunken zu Bett!
Überrascht es mich, in welchen unvergesslichen Situationen ich mich plötzlich befinde, was mir das Universum bietet, wenn ich offen für Neues bin und mich dem Flow des Lebens hingebe? Nein, heute nicht mehr! Der Camino war ein Wendepunkt und seither ist mir dies schon so oft passiert, dass es mich überraschen würde, wenn nicht.
Erwarte das Unerwartete!
Teil 4 von 5: Der mentale und emotionale Aspekt
Bevor ihr meine Eindrücke einordnen könnt, solltet ihr ein wenig über mich wissen. Ich bin Krebs mit Aszendent Skorpion – und ja, die typischen Eigenschaften passen auf mich: emotional, sensibel, familiär, willensstark. Ich komme leicht ins Gespräch, bin neuen Begegnungen aber zunächst vorsichtig gegenüber. Ist das Eis aber mal gebrochen, bin ich loyal.
Meine Flüge waren gebucht: Am 31. März 2016 ging’s von Zürich nach Madrid, zurück am 21. April. Am 20. April flog ich von Santiago de Compostela nach Madrid, denn ich musste noch nach Toledo – dort wartete mein Foodtruck, der fertiggestellt wurde. Der Plan war klar: 500 Kilometer in 20 Tagen.
Mentale Vorbereitung
Im ersten Teil dieser Serie ging es um die körperliche Vorbereitung – hier nun um die mentale. Für mich stand fest: Ich gehe den Camino allein. Drei Wochen, in einem fremden Land, mit einer Sprache, die ich zwar spreche, aber nicht perfekt. Ich war nervös, aber Erfahrungen aus Argentinien und England gaben mir Vertrauen. Der mentale Grundstein war also längst gelegt.
Die Pilgerer (Foto: zVg Savas Oyun)
No risk, no fun
Und ja – ich sprach mittlerweile Spanisch. Aber als ich nach Argentinien ging, konnte ich kein Wort. Nur ein Mini-Wörterbuch im Gepäck. Vorbereitung? Minimal. Mut? Maximal. Genau das ist für mich mentale Stärke: die Haltung „No risk, no fun“.
Die ersten Tage verliefen gut. Schönes Wetter, entspannte Etappen, erste Bekanntschaften – und viel Ruhe. Ich schrieb viel Tagebuch. Doch ohne echte Gespräche, allein beim Abendessen, wuchs der Wunsch nach Gesellschaft. Als dann noch Regen, Wind und Kälte dazukamen, sank meine Stimmung.
Unterwegs geht jeder seinen Weg
Genau in diesem Moment traf ich Miguel. Ein Mann in den Sechzigern, topfit, unterwegs auf seinem fünften Camino. Ein lebensfroher Typ mit trockenem Humor und einer Schwäche für gutes Essen. Wir verstanden uns sofort. Und einen Michelin-Guide in Menschengestalt an meiner Seite zu haben, war ein Geschenk. Viele Pilger ticken ähnlich: Unterwegs geht jeder seinen Weg, aber morgens und abends freut man sich über bekannte Gesichter. Also frühstückten Miguel und ich zusammen, bestimmten unser Tagesziel und liefen dann jeweils alleine los – um uns abends in der vereinbarten Herberge wiederzutreffen. Meine Laune besserte sich schlagartig.
Düstere Gedanken
Tag 6: Schmerzen im linken Fuss – Erschöpfung. Mit Mühe schleppte ich mich nach Puebla de Sanabria, eine wunderschöne Stadt. Ich verabschiedete mich von Miguel und pausierte zwei Tage. Tolles Hostel, gutes Essen – und doch: düstere Gedanken. Zweifel, Einsamkeit, Heimweh. Die mentale Belastung wuchs. Aber mein Ziel war Santiago. Ich erholte mich, nahm doppelt Ibuprofen und sammelte Kraft.
Ist das ein Zeichen?
Am dritten Tag ging es weiter – mit Schmerzen. Regen, später Schneesturm. Ich fragte mich: Soll ich abbrechen? In Lubián traf ich überraschend Miguel – er hatte seine Etappe wegen des Wetters unterbrochen. Ein Geschenk des Himmels. Am nächsten Tag stapften wir gemeinsam durch kniehohen Schnee. Die Kälte betäubte den Schmerz, wir kamen gut voran.
Tag 11: Laza. Erschöpft, schmerzender Fuss – aber eine moderne, warme Herberge. Dort traf ich die TRUPPE: sieben Pilger, unterwegs seit Sevilla. Jung und alt, gläubig oder nicht, bunt zusammengewürfelt. Wir spielten, sangen, tranken – und sie nahmen mich auf. Ab da schrieb ich kein Tagebuch mehr – ich hatte schlicht keine Zeit. Ein gutes Zeichen.
Ruhm und Ehre
Diese letzten Tage waren intensiv. Freunde gefunden zu haben, Gleichgesinnte – das war das grösste Geschenk auf dem Camino. Die Schmerzen traten in den Hintergrund, der Regen wurde zum treuen Begleiter, Distanzen schrumpften. Was blieb, sind Erinnerungen an eine der besten Zeiten meines Lebens.
Eines ist sicher: Der Jakobsweg ist kein Spaziergang. Er ist mit Schmerz verbunden, mit Qualen und Entbehrungen, mit emotionalen und mentalen Höhen und Tiefen. Aber wer durchhält und in Santiago einzieht, dem gebührt Ruhm und Ehre – auch wenn es nur für sich selbst ist.
Teil 5 von 5: Die Offenbarung
Ich habe diesen Teil lange vor mir hergeschoben. Vielleicht, weil es mir schwerfällt, Worte für etwas zu finden, das eigentlich nicht in Worte zu fassen ist. Doch wenn ich an meine letzten Schritte in Santiago zurückdenke, an diesen Moment, als ich die Kathedrale zum ersten Mal sah, dann wird mir klar: Genau hier liegt die Essenz des Caminos – in der Suche nach etwas, von dem man selbst nicht genau weiss, was es ist.
Ich ging diesen Weg mit dem Gefühl, etwas finden zu müssen. Eine Antwort. Ein Zeichen. Vielleicht sogar eine Erlösung von dem Druck, immer stark, immer schnell, immer erfolgreich sein zu müssen. Stattdessen fand ich etwas anderes: Ruhe. Dankbarkeit. Und den Glauben daran, dass alles im Leben seinen Fluss hat.
Du hast es geschafft
Der Einmarsch nach Santiago war surreal. Nach 499,8 km, nach Regen, Schnee, Schmerz und purer Freude, begrüsste mich die Stadt bei strahlendem Sonnenschein. Ein seltenes Bild – so selten, dass es sich fast unwirklich anfühlte. Die Kathedrale glänzte in goldenem Licht, als wolle sie mir sagen: Du hast es geschafft. Willkommen.
Ich setzte mich hin, liess die Sonne auf mein Gesicht scheinen und spürte einen Frieden in mir, den ich lange nicht mehr gefühlt hatte. Es war zu schön, um wahr zu sein – und genau deswegen war es wahr.
Ich habe auf diesem Weg das Gute im Menschen gesehen. Es hat mich berührt, wie wenig Vorurteile mir begegnet sind. Kein einziger Pilger fragte nach meiner Religion, ausser einmal, bei dem südafrikanischen Missionar unterwegs. Für alle anderen war es egal, ob ich Muslim bin. Ich war einfach ein Mitpilger, ein Mensch auf seiner Reise. Wir alle hatten das gleiche Ziel, die gleichen Schmerzen, das gleiche Lächeln, wenn wir endlich unsere Herberge erreichten. Es spielte keine Rolle, woher man kam oder woran man glaubte – nur, wohin man wollte.
Alles kommt gut
Ich glaube fest daran, dass das Leben seinen eigenen Flow hat. Dieser Weg hat mich darin bestärkt. All die Begegnungen, die Pausen, die Zufälle, die Schmerzen und Freuden – alles hatte seinen Platz. Wenn ich eines mit Sicherheit sagen kann, dann dies: Alles kommt gut. Vielleicht nicht immer so, wie wir es planen. Aber so, wie es für uns richtig ist.
Ich bin von Glück gesegnet.
Glück, diese Reise gemacht zu haben. Glück, Menschen getroffen zu haben, die mich inspirierten. Glück, meinen Körper und meinen Geist bis an ihre Grenzen gebracht zu haben, ohne daran zu zerbrechen.
Glück, mich selbst wiedergefunden zu haben – oder vielleicht sogar zum ersten Mal wirklich kennengelernt zu haben.
Die Kraft des Weges liegt nicht nur darin, dich körperlich an deine Grenzen zu bringen. Sie liegt darin, dir zu zeigen, wie stark dein Geist sein kann, wenn dein Körper nicht mehr will. Sie liegt darin, dir vor Augen zu führen, wie wenig du brauchst, um glücklich zu sein. Ein Teller warmer Eintopf, ein trockenes Bett, ein bekanntes Gesicht, ein kurzer Sonnenstrahl nach Tagen im Regen.
Foto: ChatGPT
Sich selber finden
Und falls mich jemand fragt, was ich nach 500 km am meisten gelernt habe: Dass Ibuprofen definitiv in jedem Pilger-Pack das wahre Gold ist.
Ich ging los, um etwas zu finden – eine Antwort, einen Sinn, ein Ziel. Ich kam an mit dem Wissen, dass ich nichts finden musste. Alles war schon da. Ich musste nur loslaufen, um es zu erkennen.
Und genau das ist meine Offenbarung:
Manchmal musst du dich verlaufen, um dich selbst zu finden. Manchmal musst du aufbrechen, um zu merken, dass du längst angekommen bist.
Der Camino endet nie wirklich. Er geht weiter – in jedem Schritt, den ich seither mache. In jedem Atemzug, in jedem Lächeln, in jeder Begegnung.
Er hat mich gelehrt, dem Leben zu vertrauen.
Und dass es keinen grösseren Ruhm gibt, als am Ende eines langen Weges zu sagen:
Ich bin angekommen. In Santiago. In mir selbst.
Text: Savas Oyun





